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Krönungsevangeliar der deutschen Kaiser und Könige

Purpurhandschrift aus der Palastschule Karls des Großen um 800 n.Chr.

Das Reichsevangeliar wurde im Auftrag Karls des Großen geschaffen und gehört zu den sog. Reichskleinodien. Es wird seit 1801 in der Schatzkammer des Kunsthistorischen Museums Wien unter der Inventarnummer WS XIII 18 aufbewahrt. Das Foto zeigt den Reichsapfel, den Prunkdeckel und das Reichsevangeliar aufgeschlagen zu Beginn des Johannesevangeliums.

Foto: Faksimileverlag Luzern

 

Das bedeutendste Buch des Mittelalters

Ich gestehe bei dieser traumhaften Bibelhandschrift kann man nicht ruhig sitzen bleiben. Diese Bibel (Evangeliar = Handschrift mit den vier Evangelien) hat mich schon seit frühester Jugend begeistert. So wird berichtet, dass die deutschen Kaiser und Könige ihren Krönungseid auf der Seite des Evangelisten Johannes (siehe Foto oben) ablegten.

 

Das Krönungsevangeliar kann mit Fug und Recht als das bedeutendste Buch des Mittelalters bezeichnet werden, denn es war spätestens seit dem 12. Jahrhundert bei jeder Krönung eines römischen-deutschen Königs anwesend, soweit wir wissen als »Schwurbibel« sogar zentraler Bestandteil der Zeremonie. Um ihren symbolischen und protokollarischen Gehalt zu unterstreichen, wurde die ursprünglich karolingische Handschrift um das Jahr 1500 mit einem gold- und edelsteinglänzenden Buchdeckel versehen, der es zu einem würdigen Bestandteil der Reichsinsignien des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation machte.

 

Aachen 795 n.Chr.

Um das Jahr 795 wurde das Krönungsevangeliar in Aachen geschrieben und illuminiert. Es war von Anfang an als herausragendes Werk geplant: Ganz in goldener Tinte auf purpurgefärbten Seiten geschrieben, unterstrich es den Anspruch Karls, in der Tradition der römischen Cäsaren zu stehen (obwohl die Kaiserkrönung erst fünf Jahre später erfolgen sollte). Dem Urteil seiner Zeitgenossen und späterer Jahrhunderte gemäß, löste Karl diesen Anspruch voll und ganz ein. Das Unterpfand seiner Ambition aber ließ er sich bei seinem Tod 814 mit ins Grab legen.

 

Aachen 1000 n. Chr.

Man weiß bis heute nicht genau, wo sich das Grab Karls des Großen befindet. Insofern ist auch unbekannt, wo sich im Jahr 1000 die für die Handschrift so bedeutende legendenhafte Begebenheit abgespielt haben mag.

   Die Legende besagt: Otto III. ließ das Grab öffnen und entdeckte den Codex auf den Knien des sitzend bestatteten Kaisers. Er entnahm das Buch – und legte damit den Grundstein zu dessen Aufstieg zu dem zentralen Buchkunstwerk des Reiches.

 

Bei den Königskrönungen, die bis 1531 ausnahmslos in Aachen stattfanden, wurde das Buch der Überlieferung nach auf der ersten Seite des Johannesevangeliums aufgeschlagen, und der zukünftige König leistete seinen Schwur unter den Augen des Evangelisten Johannes auf die Worte »Im Anfang war das Wort« (siehe Foto oben).

 

Hauptwerk aus der Palastschule Karls des Großen

Das Krönungsevangeliar wird der sogenannten Palastschule zugerechnet. Im Gegensatz zur zeitgleich agierenden Hofschule ging es dieser Künstlergruppierung um die Wiederbelebung der hellenistischen Kunst: Die dargestellten Evangelisten sitzen antiken Philosophen gleichend in freiem Raum vor offenen Landschaften und Architekturelementen. Ihre Darstellung ähnelt der von byzantinischen Evangelienhandschiften. So vermutet man denn auch, dass die Buchmaler aus Italien oder gar aus Byzanz kamen.

 

Codex Aureus et Argenteus

Der bei Königskrönungen üblichen Prachtentfaltung entspricht der Prunk dieser Handschrift. Alle 236 Pergamentblätter sind purpurgefärbt – wobei man pflanzliche Ersatzstoffe verwendete, denen man wohl kleine Mengen des kaum erhältlichen und ungeheuer teuren echten Purpurs beimengte. Auf diesen ehrwürdigen dunkelroten Untergrund schrieb man dann mit Goldtinte die vier Evangelientexte. Überschriften und Marginaltexte (Verweise der Evangelien untereinander) wurden mit Silbertinte geschrieben (Foto einer Textseite - Bildergalerie zum Faksimile).

Daher auch die Bezeichnung Codex Aureus et Argenteus (goldenes und silbernes Buch).

 

Miniaturen und sonstige Zierseiten wurden mit hauchdünnem, extrem flachem Blattgold belegt. Die Handschrift selbst war für die Dauer ihrer Benutzung in roten Samt eingebunden. Inzwischen sind Einband und Handschrift aus konservatorischen Gründen voneinander getrennt: Der Einband wird in der Wiener Schatzkammer präsentiert, das Manuskript liegt hingegen im Klimatresor. 

 

Der Evangelientext ist die lateinische Übersetzung von Hieronymus, die sog. VULGATA

 

Die Faksimilierung – eine ganz besondere Herausforderung

Um den Anforderungen einer originalgetreuen Reproduktion zu entsprechen, musste bei der Faksimilierung das Krönungsevangeliar einer umfassenden wissenschaftlichen Untersuchung mit neuen technischen Methoden wie der Röntgenfluoreszenzanalyse unterzogen werden.

Der Prunkdeckel wurde mit einem speziellen 3D-Scanner abgestastet. Zur schwierigen Arbeit der Faksimilierung siehe diesen hochinformativen --> Film.

 

Leider gibt es von dem Krönungsevangeliar nur dieses eine sehr teure Faksimile (30.000 €). Es wäre zu wünschen, dass die Schatzkammer in Wien ein einfacheres und vor allem erschwingliches Digitalfaksimile herausbringen würde.

 

 

In der Bibelausstellung Sylt von Alexander Schick werden Einzelseiten aus dieser wertvollen Prachthandschrift gezeigt.

 

 

Fotos und größere Teile von diesem Text entnommen von der Webseite des Faksmileverlages.

 

Weiterführende Infos:

Bericht im Kölner Stadtanzeiger

Bericht in der Münchner Abendzeitung (mit seltenen Fotos des Originals)

Hintergrundbericht in der FAZ

Führungen in der Wiener Schatzkammer - hier sehen Sie die Reichskleinodien im Original!

Kopien der Reichkleinodien sind im Krönungssaal des Aachener Rathauses ausgestellt

Film zur Faksimilierung des Reichsevangeliars

Projektseite des Kunsthistorischen Museums Wien zur Untersuchung des Krönungsevangeliars

Wikipedia